Traum vom Welterfolg geplatzt (Rhein-Main-Zeitung)

11.02.2010

Die "India"-Zelte am Güterplatz im Gallus sind verlassen. Eine Handvoll versprengter Mitarbeiter, die in Wohncontainern hausen, warten seit Wochen auf den Befehl, die Maharadscha-Paläste aus Stoff in Frankfurt ab- und in Berlin wieder neu aufzubauen. Die Tänzer, Musiker und Artisten sind längst weitergezogen nach Hamburg, wo in einem zweiten Zelt auf dem Heiliggeistfeld dem Publikum das "Land of Mystery and Wonders" präsentiert wird.

Präsentiert wurde, muss man sagen. Denn seit Wochenbeginn ruht auch dort der Betrieb. Es fehlt an Geld und an Zuschauern. Matthias Hoffmann, der Produzent, hat sich verkalkuliert, seinem Unternehmen "Prime Time Entertainment" in Mörfelden droht die Insolvenz. Die Zirkus-Show "India", Nachfolgerin der überaus erfolgreichen Produktion "Afrika! Afrika!", hat sich als Flop erwiesen.

Viele Jahre lang hatte Hoffmann mit "India" auf Tournee gehen wollen. Von Frankfurt aus, wo die Show kurz vor Weihnachten ihre Premiere erlebte, sollte das Spektakel die Welt erobern: Hamburg, Berlin, Brüssel und dann über den Kanal nach England, wo Hoffmann allerdings schon einmal mit "Afrika! Afrika!" ein Waterloo erlebt hatte. In halb Europa war damals das von André Heller inszenierte Afrika-Spektakel ein Hit, Hoffmann schickte zeitweise eine identische zweite Show in einem zweiten Zelt durch die Lande. Doch in EngEngland blieb der Erfolg aus, das Publikum in London machte sich rar. Damit war auch der Traum von einem festen Haus in Las Vegas geplatzt. Interessierte amerikanische Investoren zogen sich zurück, als sie sahen, dass die Produktion den angelsächsischen Geschmack verfehlte.
Mit "India" wollte Hoffmann die Scharte auswetzen. Doch er erreichte nicht einmal die Kanalküste, schon in Hamburg, der zweiten Station, scheiterte der Mann, der einst mit den "Drei Tenören" einen Welterfolg gefeiert hatte, nach einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung tief gefallen war und sich dann wieder aufgerappelt hatte. Am Ende kamen in Hamburg nur noch 300 Zuschauer je Vorstellung, 3000 hätten es sein müssen.

Die schlechten Wetterverhältnisse haben gewiss ihren Teil zum Misserfolg beigetragen. Bei Schneesturm verlassen die Leute nicht gern ihre warmen Wohnungen. Und in den vergangenen Wochen herrschten im Norden häufiger frostige Verhältnisse. Doch allein verantwortlich dürfte das Winterwetter nicht sein - die Show selbst, wiewohl durchaus von anständiger Qualität, entwickelte nicht jene Magie, die für einen Erfolg unabdingbar gewesen wäre. Auch fehlten die Höhepunkte, an die man sich noch Jahre später hätte erinnern können.

Im Nachhinein betrachtet, war es wohl ein Fehler Hoffmanns, das Projekt ohne André Heller zu wagen. Ursprünglich gab es Überlegungen, dem Wiener Magier wiederum die Inszenierung des Spektakels anzuvertrauen. Doch die früheren Partner hatten sich am Ende über die weitere Vermarktung der Afrika-Show so verkracht, dass es zu keiner weiteren Zusammenarbeit mehr kam. Zeitweise gab es auf Hellers Seite sogar die Idee, eine eigene Indien-Show auf die Beine zu stellen.

Anstelle von Heller hat Hoffmann Franco Dragone für die Inszenierung gewonnen. Genauer gesagt, Dragones Unternehmen in Belgien. Der Italiener, der für den kanadischen "Cirque du Soleil" Shows wie das kürzlich in der Festhalle gezeigte "Saltimbanco" eingerichtet hat und ein bekannter Mann im internationalen Showgeschäft ist, schickte ein Team unter dem amerikanischen Regisseur Brian Burke, das in einer leerstehenden Fabrik des Linde-Konzerns im Mainzer Vorort Kostheim die Show einstudierte. Dort haben auch Bühnenmaler unter anderem vom Studio Babelsberg die beiden alten "Afrika"-Zelte auf indisch getrimmt. Das alles hat viel Geld verschlungen, das jetzt verloren ist. Darüber hinaus stehen Rechnungen offen, sind Gehälter und Gagen zum Teil nicht bezahlt, wie Mitarbeiter gestern berichteten.

In der Branche wird spekuliert, Dragone könnte nach einer Insolvenz Hoffmanns "India" für wenig Geld übernehmen, mit einer Neuinszenierung die Show aufpeppen und doch noch zum Erfolg führen. Das hätte zumindest für die Mitarbeiter und Künstler den Vorteil, dass sie in Lohn und Brot blieben. Doch entschieden ist offenbar noch nichts. Hoffmann selbst will sich erst heute äußern. Vielleicht findet er doch noch eine Lösung.